Emel Heinreich gab Alexandra Reil / Kanonmedia am 30.Mai.2007 im Rahmen des Zyklus "Art following the trend? Artists voices" ein Interview. Auszüge davon werden hier in Textform wiedergegeben. Die Videoclips sind nicht mehr zugänglich.
Anmerkung Bernhard Lascy: Auf Grund der unabgestimmten Veröffentlichung des Video-Materials auf Kanonmedia seitens Frau Mag. Reill hatte ich das Material von dort auf Youtube ohne Wissen von Frau Heinreich abgelegt um es zumindest dauerhaft zugänglich zu halten. Mag. Reill begehrte die Entfernung des Materials, dass aus einem Projekt stammt dass mit öffentlichen Geldern der MA7/ Stadt Wien und der Bezirksleitung des 7. Bezirkes der Stadt Wien realisiert wurde.Dem Wunsch bin ich hiermit nachgekommen.
Werte Damen und Herren der MA7 und der Bezirksleitung des 7. Bezirks der Stadt Wien, ich bitte Sie in Zukunft darauf zu achten, dass mit öffentlichen Geldern umgesetzte Projekte nach Möglichkeit der Öffentlichkeit erhalten bleiben. Ich bin mir absolut sicher, dass Sie von der Handlungsweise nicht informiert wurden, es ist daher kein Vorwurf an Sie sondern nur eine Anregung die für Budgetvergaben meiner Meinung nach in Zukunft beachtet werden sollte.
Diese Menschen
[jugendliche
LaienschauspielerInnen mit
migrantischem Hintergrund]
- aus dieser Betroffenheit -
aus dieser Wärme - wenn
eine hohe Qualität auch im
technischen und
künstlerischen Sinne nicht
sichtbar ist, wenn es gerade
kein perfektes Kunststück
ist, das wir vom
handwerklichen Sinne her
sehen - trotzdem sehen wir
Menschen, die etwas von
sich erzählen, darstellen,
was ihnen sehr wichtig ist,
und aus dem senden sie die
ganze Message - und ich
glaube sehr stark, dass dies
bei manchen Menschen
ankommt, und das ist die
allerwichtigste Gabe von
solcher Kunst, so sehe ich
das.
Wenn wirklich eine
Betroffenheit sich sichtbar
macht, dann wird auch
gesehen werden.
Jeder ist ein Individuum
und jeder hat ganz andere
Geschichten und
bewegende Punkte, und
wenn man sich bewegt,
wenn man tut, das ist das
Wichtigste, da habe ich
immer Respekt, wenn man
aus dem eigenen Material,
dem eigenen Grund etwas
macht und sich bewegt und
dies konsequent durchführt
und auch in Kauf nimmt,
wenig Geld zu haben und
beinhart zu arbeiten und
was noch alles - dies alles
in Kauf zu nehmen und
trotzdem zu tun - das ist
das Einzige, glaube ich.
Wenn du deine Gründe
nicht mehr hast, was dich
bewegt, bewegen soll, dann
kann keiner dich bewegen.
Aber der Widerstand, oder
die Alternativpolitik, auch
Kunst bleibt immer wieder
bei Überlegungen und
Alternativlosigkeit.
Alexandra Reill: Es hat sich
auch noch keine Transparenz
in der Bearbeitung von [Förder-
]Anträgen [im Bereich Kultur]
in Österreich durchgesetzt
Ich möchte mich gar nicht
zu dieser Theaterreform ….
was in Wien durch diese
Theaterreform an Boden
zerstört wurde … wir wollen
auf der einen Seite
lebendige Kunstangebote
geniessen, aber
andererseits hacken wir
ständig die Köpfe ab, wie
können auf diesem Boden
gutriechende Blumen
wachsen, die interessant
sind, lebendig sind, farbig
sind und immer wieder
Bewundern [erzeugen],
überraschen und kitzeln,
Lachen und Weinen
bringen und berühren
sollen, wenn wir ihnen nicht
die Möglichkeit zum
Wachsen geben, auch mit
unserer Aufmerksamkeit,
auch poltischer
Aufmerksamkeit.
Alexandra Reill: Es hat sich
auch in den letzten paar
Jahren die Förderung der
Hochkultur und einer breites
Publikum ansprechenden
Kultur politisch durchgesetzt,
dass weiss man heute, am
Anfang noch ein bisschen
versteckt, inzwischen haben
wir ein Mozartjahr absolviert
und die Musical- Landschaft
wird immer bunter, und heute
erst habe ich in der Zeitung
gelesen, das Haydn-Jahr wird
jetzt dann ausgerufen, da gibt
es schon - da würde ich dir
zustimmen - einige Haltungen,
die kommerzielle Produktion
sehr fördern.
Ich glaube an diese Liebe
noch immer, ich bin noch
nicht müde geworden
davon, auch von diesem
Glauben, obwohl freilich
kriege ich sehr viel mit aus
diesem ganzen sehr
destruktiven Umgang mit
Kunst und auch von den
Auswirkungen.
Und dann wird es erst sehr
spannend, wenn man sich
gemeinsam auf die Suche
macht; man irritiert sich
auch gegenseitig,
ununterbrochen, und gibt
sich Impulse, und diese
Impulse sind nicht nur
positive Impulse, die man
gerne kriegt; in diesem
ganzen beweglichen
emotionalen Arbeitsfeld
passiert sehr viel, und man
entdeckt auch neue Steine,
um diese eine Brücke zu
gehen.
Alexandra Reill: Was bedeutet
künstlerisches Schaffen, was
charakterisiert es?
Dass man nicht mehr fragt,
was passiert mit mir und
warum ist das so - ich weiss,
hier [in Österreich] ist diese
ganze analytische Seite
sehr beliebt, wenn man sich
emotional erwischt fühlt,
darf man sowieso nicht sehr
viel werden, [es gilt]
überhaupt [als] Schwäche;
ehrlich zu sein klingt von
vorne an sehr unangenehm
und noch dazu spontan
Sein und dazu gleich
Agieren, Reagieren - das
sind nicht unbedingt
angenehme Positionen.
Alexandra Reill: Also hat es
etwas mit müssenzu tun?
Genau, dass hat dann
einfach mit dieser Unruhe
zu tun. und das hat einfach
... die Gemütlichkeit steht
dann dort wenn man
endlich sagt, wenn man
endlich zeigt und wenn
man endlich tut ... dann tut
es auch gut.
Alexandra Reill: Wo findet
Kunst statt?
Wo von uns auch alle sich
wirklich in einem Moment
von einer Sache ganz
erwischt fühlen, von einer
Empfindung, von einer
Farbe, von einer Frau, von
einem Mann … ich weiss es
nicht - wo es uns erwischt.
Genau, aber im Endeffekt,
auch Kunst lebt davon, ganz
egoistisch, ganz elitär, jeder
fängt einmal [bei] sich an:
wo es mir brennt, wo es mir
wichtig ist, und wenn man
diesen Kick hat und an sich
selbst glaubt und mit sich
diese Beziehung geschaffen
hat, dann hat man sowieso
keine Ruhe mehr …
Aber es gibt auch irrsinnig
viele Problemzonen, denen
gegenüber wir aufmerksam
bleiben sollen und wo wir
wirklich auch etwas tun
sollen.
Alexandra Reill: Was ist das
Wichtige in einer
soziokulturellen Produktion, in
der man mit sozial
benachteiligten Jugendlichen
mit türkisch/kurdischem
Hintergrund arbeitet?
Wie geht’s euch? Wie lebt
ihr? Was passiert in eurem
Leben? Wie kommt ihr
zurecht unter diesem
familiären Ghetto,
kulturellen Ghetto? Aber
doch - ihr seid teilweise hier
geboren und lebt hier, ihr
sprecht besser Deutsch als
Türkisch oder Kurdisch -
also, wie geht es euch da
auf der Strasse, in der
Schule und wieder
zuhause?
Ja, lassen wir einmal diese
ganzen Kunstproduktionen
und Projekte, in erster Linie
- für uns alle, als Mensch -
eine gewisse Wichtigkeit zu
empfinden - mit der
eigenen Identität und dem
eigenen Dasein -, das ist für
mich der Grundkern der
Sache, und ich hatte das
Gefühl, dass diese
Menschen [jugendliche
LaienschauspielerInnen mit
migrantischem Hintergrund]
- das ist unter keiner
Jammerei gesprochen -
dass diese Menschen, ob sie
da sind oder nicht da sind,
macht es nicht sehr viel aus,
sie machen die
unwichtigsten Rollen in
dieser Gesellschaft mit, und
versuchen sie möglichst gut
zu schaffen, gut
anzukommen, und damit
bleiben sie halt lebenslang.
Der Titel “Hochzeit” war
sehr interessant, sehr
anziehend eben [für meine
letzte Theaterinszenierung],
aber ich wollte nicht
unbedingt diese
Kulturanimation für das
österreichische Auge und
Ohr machen, sondern
unterdessen schon eine
Problemzone zeigen, die
sich sehr stark unter [dem
Thema] Zwangsheirat zeigt,
von der die zweite und
erste Generation [von
türkischen
Einwandererfamilien] sehr
stark betroffen sind.
In dem Sinne sehe ich auch
nochmals grosse
Verantwortung bei dem
Geschlechtersinne, - sehr
stark - , Frau zu sein macht
noch einmal die Sache sehr
wichtig, noch dazu mit der
Herkunft, wo ich herkomme,
ist die Frauenproblematik
sehr markant, ob wir das
hier in Österreich sehen
oder nicht sehen, nicht
spüren; ausser diese Frauen
mit vielen Kindern,
Kopftuchfrauen, die immer
wieder gruppenweise auf
der Strasse gehen, diese
Menschen haben auch
irrsinnig viele Probleme
und auch Geschichten in
sich, und klar, die
Geschichten liegen mir
auch sehr nahe und sehr
vertraut, in dem Sinne
…dass misse ich, aus dem
kommen auch die
[künstlerischen]
Geschichten.
Alexandra Reill: Hat Dich Dein
Auswandern von einer Kultur in
eine andere in Deiner
künstlerischen Produktion
beeinflusst?
Das heisst, diese Herkunft
bleibt in dem sinnlichen
Sinne als Geruch, als
Melodie, als Bilder, als
Farben, und sonstig macht
man einfach weiter, lebt
man weiter, macht man das
Leben weiter, und wo man
lebt und wo man tut, wo
man sprürt, wo man kämpft,
wo man liebt und lebt eben,
da wird das Heim.
Alexandra Reill: Glaubst Du,
dass der/die KünstlerIn einen
politischen Auftrag hat?
Ja, so wie ich, als Mensch
und als Künstlerin in der
Gesellschaft, so wie in
Österreich hier, in Wien, als
jemand, der nicht diese
Berühmtheit oder den
Geniecharakter oder solche
Namhaftigkeit hat, dann
finde ich die Sache sowieso
absolut notwendig und
verstärkend - politisch zu
bleiben und auch politische
Aufmerksamkeit zu schärfen.
Wenn eine Türkin über die
türkische Problematik oder
über die türkische
MigrantInnenproblematik
arbeitet, dann wird man
immer eine
Budgetmöglichkeit geben,
das wird aber immer klein
und brav und nebenbei
ermöglicht bleiben …
Alexandra Reill: … dass es
vorkommt, dass VertreterInnen
vorkommen, ja ….
Wir mit immigrantischer
Herkunft - Künstler und
Künstlerinnen besonders -
versuchen, freilich die
politische Aktualität von der
[soziokulturellen] Thematik
auch auszuarbeiten - diese
Rolle ist nicht zu ignorieren
und auch nicht die
Notwendigkeit in Österreich.
Das wird auch von allen
möglichen politischen
Seiten gesehen und
akzeptiert - über diese
Menschen muss man auch
einiges sagen, und wir
wollen auch von ihnen
etwas hören. Und freilich,
so wie wir dazugehörige
Künstler und Künstlerinnen
haben, doch positive
Möglichkeiten [haben] -
aber interessanterweise
bleibt immer wieder da: ihr
seid halt … du bist aus der
Türkei, und du bist von da
oder von dort - bleib’ bei
deiner Sache.
Aus dieser [angespannten]
Stimmung [in der Türkei der
80er Jahre] hierher kommen
als junger Mensch ….,
freilich das Sprachproblem
dazu und der Traum,
künstlerisch weiter die
Tätigkeit zu füllen … - ja,
ich habe mich bis dahin
soweit entwickelt, dass ich
mich noch immer bei
diesem Ziel bewege und
mir die Möglichkeiten auch
in Österreich suche. Meine
eigene Identitätsgrundlage -
dass ich von einem anderen
Land komme, - Frau zu sein
macht freilich sehr viel aus -
, dass ich auch kulturell wie
“religiösisch” aus einem
islamistischen Land komme -
das ist auch ein sehr
aktuelles politisches Thema
in unserem Zeitraum,
freilich auch hier in
Österreich [mit] der ganzen
politischen Entwicklung,
auch sehr mit der
Kulturbetroffenheit
[angesichts] der
Kulturpolitik, macht sehr
viel aus bei dieser
Entwicklung. Und es wird im
Endeffekt nicht leicht
gemacht, dass man
künstlerisch[e Tätigkeit] mit
solchen Identitäten weiter
realisierbar für sich macht
und machen kann und darf.
Ich komme aus einer
Generation, wo in der
Türkei politisch ein sehr
heisser Boden war - 80er
Jahre Militärputsch in der
Türkei (1980). Danach sind
etliche Menschen aus der
Türkei weggekommen,
bewusst oder nach den
zufälligen Wünschen
entwickelt -ich bin auch so
ein Fall: dass ich irgendwie
den Sinn dort verloren hatte
und als Frau und als
sozusagen linksorientierter
junger Mensch - auch die
Bewusstseinsebene
politisch kann man freilich
mit hier nicht vergleichen -,
aber wie ich gesagt habe,
dass war wirklich ein sehr
heisser Boden damals, wo
ich mit 16/17 [in der]
Gymansiumsziet in Istanbul
war und fast jeden zweiten
Tag im Fernsehen [zu sehen
war, dass] vielleicht wieder
ein Bekannter gestorben
war oder umgebracht
[worden] war oder bei einer
Explosion gestorben war,
etc. Das war die Stimmung.